Echo der Fragen

 

VON NYMPHENRUFEN UND ENGELSBILDERN -
DAS ECHO DER FRAGEN VON CARMEN OBERST

ARCHIV

Die in Carmen Obersts Bilderlexikon. Echo der Fragen versammelten Arbeiten gehen zurück auf ein über Jahrzehnte entstandenes Archiv von Aufnahmen und photochemi­schen Malereien, das seinerseits den Namen Archiv der Gegenwart trägt. In einem Archiv werden Dinge oder Dokumente gesammelt, sortiert und aufbewahrt. So kündet ein Archiv in der Regel von der Vergangenheit - wenn man dem Wort selbst glauben wollte, könnte man sogar arché, den Anfang darin finden. Womit die Frage aufgeworfen ist, was es denn mit einem Archiv auf sich hat, das als eines der Gegenwart bezeichnet wird.

Die zweite Frage ist die, die sich jede Benutzerin, jeder Benutzer eines Archivs stellen muss: Wie funktioniert dieses Archiv? Denn welchen Wert die in einem Archiv versammelten Dinge oder Dokumente für die Benutzer haben können, hängt vor allem davon ab, auf welche Weise sie auffindbar werden: wie sie sortiert, katalogisiert, etikettiert sind. Eine Auseinandersetzung mit den Etiketten, unter denen die Künstlerin uns ihre hier versammelten Arbeiten präsentiert, soll als Weg gewählt werden, sich diesem besonderen Archiv zu nähern.

 

ECHO

Echo, das war bekanntlich jene Nymphe, von der Ovid berichtet, sie habe „weder gelernt, einem Anruf zu schweigen, noch zu reden als erste" (Übersetzung von Erich Rösch). Dabei war sie frech, die Nymphe Echo. Die Chefgöttin Juno hielt sie mit ihrem Geplauder, ja eigentlich deren eigenem, so lange auf, bis die anderen Nymphen, die sich mit Junos Mann Jupiter am Berghang vergnügt hatten, sich verstecken konnten. Juno hat Echo daraufhin bestraft, indem sie verhängte, sie könne von jeder Rede nur noch die letzten Worte wiedergeben. Über die Tücken, die es mit dem Echo auf sich haben kann, belehrt auch das Lexikon (hier: dtv-Brockhaus-Lexikon von 1984): „Echo 1) akustischer Widerhall, entsteht bei Reflexion des Schalles an relativ groß­flä­chigen Hindernis­sen. Das Ohr braucht zur deut­lichen Trennung zweier Schallim­pulse etwa 0,2 s, der Abstand des Hindernisses muß also wenig­stens etwa 33 m sein. Schneller aufeinanderfol­gende mehrfache E., z.B. in Räumen mit parallelen Wänden, verschmelzen zu einem zusam­menhängenden Eindruck, dem Nachhall. 2) durch Reflexion elektromagnetischer Wellen an Hindernissen (Inhomo­genitäten) verursachte Erscheinung; kann störend oder nützlich sein. Störend z.B in der Flugsicherung (Mehrdeutigkeiten bei Landever­fahren), nützlich beim Radar zur Positionsbestimmung (auch hier gibt es jedoch störende ‚Geister­bilder‘ und ‚Engelechos‘). 3) Musik: die Wiederholung einer kurzen Phrase in geringer Ton­stärke." Mir scheint, Carmen Oberst interessiert sich, ähnlich frech wie die Nymphe Echo, weniger für das, wie es gewesen ist, als für das, was durch verschiedene Streiche und Störungen manchmal als Nachhall, manchmal tatsäch­lich auch als Geister- oder Engelsbilder daraus werden kann. Den schönen Jüngling Narzissus hat die Nymphe Echo übrigens vergeblich zu verführen versucht - uns bieten die Arbeiten die Chance, uns zu öffnen für ein Anderes, das uns darin begegnet.

 

FRAGEN

Das Spektrum dessen, was Carmen Oberst zum Gegenstand ihrer Arbeit gemacht hat, ist schier unbegrenzt, wovon auch das an eine Enzyklopädie erinnernde Register ihres Archivs zeugt. Wir sehen Menschen, Räume, Tiere, Pflanzen - und immer wieder die Künstlerin selbst. Teilweise tragen die zu Grunde liegenden Aufnahmen den Charakter der Zufälligkeit - „wie es eben vor die Linse kam" -, teilweise erkennt man ein inszenatorisches Spiel schon in der Aufnahme selbst. Immer aber stellen die Arbeiten Fragen an das Gezeigte - stellen es selbst oft in Frage. Dabei scheint mir die Grundfrage die nach dem Sozia­len zu sein: Welche Rolle spielen die Personen oder Dinge inner­halb der Gesellschaft. Markant ist ein häufiger auftau­chendes Selbstportrait der Künstlerin, die sich, in betont puppenhafter Kleidung und Haltung, mit offenen Händen präsentiert und dem Betrachter etwas anzubieten scheint. Doch die Linien und Formen, die über die Inszenierung gelegt sind und die Figur auflösen, machen diesen Verweis auf die Rolle der Künstlerin als Dienerin der Öffentlichkeit zu einer offenen Frage.

Als weiteres Beispiel für diese Herangehens­weise wäre der Umgang mit Pflanzen und Pflanzenteilen zu nennen. In einem gelblichen Hintergrund schweben rundliche Gebilde mit narbiger Oberfläche, gewiss Zapfen irgendeines Nadel­baumes, denen diese Nahaufnah­me zunächst jedes Oberflächen­detail ablauscht wie eine botanische Studie. Aber es ist ein künstlicher Glanz auf diese Zapfen gelegt, sind Linien um sie gewickelt, die aus ihnen Schmucksteine zu machen scheinen, die an einer Schnur oder Kette hängen. - Die Pflan­zenteile werden inszeniert wie Objekte gesellschaftlicher Selbst­darstellung. Auch hier ein kleiner Hinweis auf eine Art menschlichen Umgangs mit der Umwelt, die auf Nutzbarmachung, in manchen Kontexten auf Ausbeutung abzielt.

 

BILDERLEXIKON

Das Wort Lexikon stammt vom griechischen lexis ab, das Wort, Rede bedeutet. Insofern ist die Fügung Bilder-Lexikon irritierend, ein Gegensatz in sich. Um ihn produktiv zu wenden, lässt sich fragen, in welchem Verhältnis Bilder und Wörter/ Rede denn in diesem Bilderlexikon wohl stehen mögen. Tatsächlich ergibt sich beim Betrachten der Dreierserien der Eindruck, dass Bilder und Texte ganz gleichberechtigt sind, der Blick wandert vom einen zum anderen, und der essayhafte Stil („Stil" ist eine andere mögliche Übersetzung des Wortes lexis) der Betrachtungen, in denen die Phänomene oder Berufe jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven gedeutet werden, ist ähnlich vielschichtig wie der bildnerische Teil der Serien. Für das Archiv bilden die kleinen Texte aber auch mögliche Benutzerorientie­rungen für den Umgang mit den Bildern - die schier unbegrenzte Fülle der Themen und Ansichten findet sich darin gebündelt auf einzelne Begriffe, die in den Registerteilen ihre Obertitel finden, nicht selten auch auf miteinander in inhaltlicher Beziehung stehende Berufe.

 

PHOTOCHEMISCHE MALEREI

Diese Bezeichnung für Carmen Obersts künstlerische Technik erscheint zunächst irritierend, weil sie so gegensätzlich wirkende Begriffe miteinander verbindet: die Fotografie und die Malerei das in naturwissenschaftlichen Regeln beschreibbare Geschehen der Chemie bzw. der durch das Licht provozierten Oxydationen. Doch gerade in dieser Fügung ist die eigentümliche Form dieser Kunst präzise beschrieben, und mir scheint, die besten Arbeiten sind diejenigen, in denen diese drei Elemente am gleichberechtigtsten nebeneinanderstehen, so dass eine labile Spannung zwischen ihnen entsteht, die im Blick des Betrachters zu je neuen Bildern erweckt wird.

Alle Arbeiten gehen von einer Situation der Aufnahme aus. Wer Carmen Oberst kennt, weiß, mit welcher Neugier, Faszination, aber auch spielerischen Haltung sie auf ihre Umgebung reagiert und dabei immer wieder die Kamera zückt, um spontan etwas davon einzufangen. Doch was immer sich als Lichtspur in das Zelluloid eingeschrieben haben mag, es wird in den hier gezeigten Arbeiten nicht zu einem exakten Zeugnis einer Vergangenheit. Vielmehr geht es um einen Prozess künstlerischer Befragung - nicht zuletzt des Bildgeschehens selbst, das in einem Vorführen und Sichtbarmachen der Laborprozesse thematisch wird: In dem von der Künstlerin geführten fotografischen Diskurs trifft das fotografische Abbild zunächst auf das Fotomaterial mit dessen individuellen Bedingungen - etwa dem unterschiedlichen Silberwert von Fotopapieren, der je eigene Farbanmutungen ermöglicht. Stellenweise wird die realistische Darstellung gelöscht, und die verbleibende fotochemische Substanz bildet die Basis für neue Bildfindungen. Andererseits werden im ersten Belichtungsabschnitt auch verborgene, dem bloßen Auge nicht sichtbare Bildinformationen aufgegriffen, die für die folgenden Belichtungen und mehrfachen Entwicklungsvorgänge bestimmend werden. Zusätzliche Elemente für die Bildgestaltung sind linear abgetastete Konturen weiterer Fotos aus dem umfangreichen Archiv der Künstlerin, die über die Aufnahmen gelegt werden. Die in diesen Abstraktionsprozessen auftauchenden formalen Strukturen werden zum Anlass, die Bilder zu Reihen zu assoziieren und ihnen Texte hinzuzufügen, die ihrerseits durch die Relikte abgebildeter Formen evoziert wurden.

So entstehen die Dreiergruppen als Malereien im Sinne von einzigartigen, in sich durchkomponierten Gebilden aus Formen und Farben, die auf keine Realität außer sich verweisen, sondern ein Wechselspiel zwischen Nähe und Ferne, Erkennbarkeit und Lesbarkeit inszenieren. Wer sich auf dieses Wechselspiel einlässt, in dem rufen die Momente des Wiedererkennens immer auch eigene Assoziationen und Erinnerungen wach. Und wo diese vielen Echos sich verdichten, da geschieht es manchmal, dass zwischen ihnen etwas ganz Eigenes, von niemandem Handhabbares auftaucht, Engelsbilder vielleicht, störend oder nicht störend - immer aber eine eigene Gegenwart.

Dagmar Deuring


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